Stellungnahme: Maske auf statt Schule zu

Stand 2.11.2020

Bildquelle: © Hessiche Staatskanzlei

In den letzten Wochen erreichten die Unfallkassen bundesweit besorgte Anfragen zu den Corona-Maßnahmen der Kultusministerien und der örtlichen Gesundheitsämter. Im Besonderen geht es um das Thema Maskenpflicht. Die Unfallkassen wurde mit Hinweis auf vermeintliche Gesundheitsgefahren aufgefordert, das Tragen von Masken im Unterricht zu untersagen. Ein solches Verbot würde – selbst wenn die Unfallkassen es durchsetzen könnten – den Grundprinzipien von Sicherheit und Gesundheit in Arbeit und (Schul-)Ausbildung widersprechen.

Unternehmer*innen haben eine Fürsorgepflicht für ihre Beschäftigten. Dies bedeutet, dass sie diese durch technische, organisatorische oder personenbezogene/individuelle Maßnahmen vor potentiellen Gefahren bei der Arbeit/ bei der Ausbildung schützen müssen. Analog gilt diese Fürsorgepflicht auch für die Träger der Schulen, Kitas und Universitäten für die dortigen Schüler*innen, Kita-Kinder und Studierende. Die Maßnahmen sollen dabei immer dem TOP-Prinzip folgen:

  • Technische Maßnahmen (z. B. Trennwände aus Plexiglas im Kassenbereich) gehen vor. Reichen diese nicht aus, werden zusätzlich
  • organisatorische Maßnahmen (z. B. Regelungen zum Personaleinsatz) getroffen. Sind beide für einen wirksamen Schutz noch nicht ausreichend, müssen
  • personenbezogene Maßnahmen ergänzend beschlossen werden (z. B. das Tragen einer Bedeckung über Mund und Nase).

Kaum eine dieser Maßnahmen ist frei von Nebenwirkungen: Bei technischen Maßnahmen sind oft teure Nachrüstungen notwendig, organisatorische Maßnahmen verursachen oft zusätzliche Kosten durch zusätzliches Personal oder höheren Zeitaufwand, und auch personenbezogene Maßnahmen, wie persönliche Schutzausrüstungen, machen die Arbeit weniger komfortabel für die Träger*innen.

Somit ist bei allen Maßnahmen abzuwägen, welchen Nutzen sie bieten und welche Kosten ihnen gegenüberstehen. Diese Abwägung wird in jedem Einzelfall auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse seriöser Forschungsinstitute sowie der an die Unfallversicherungsträger gemeldeten Schadensfälle (Unfälle, Berufskrankheiten) getroffen. Dieser Stand der Technik bildet die Grundlage von Gesetzen, Verordnungen, Unfallverhütungsvorschriften und Regeln des Staates und der Unfallversicherungsträger.

Alle Maßnahmen werden nach der Priorisierung folgender Ziele getroffen:  

  • Am wichtigsten ist die Prävention von Todesfällen und bleibenden Körperschäden, wie sie in der Vision Zero (eine Welt ohne Unfälle mit schweren Folgen) zum Ausdruck kommt. Um sie zu vermeiden, sind selbst hohe Kosten und auch Einschränkungen in der Behaglichkeit der Arbeitenden zu tolerieren.
  • Am Ende der Ziel-Hierarchie stehen geringfügige Einschränkungen des Wohlbefindens oder minimale Körperschäden (z. B. „blaue Flecken“). Auch ihre Beseitigung ist ein Ziel der Prävention – aber kein vorrangiges.

Selbstverständlich spielt bei dieser Betrachtung nicht nur eine Rolle, wie hoch der potentielle Schaden wäre, sondern auch wie hoch dessen Eintrittswahrscheinlichkeit ist.

Der oben beschriebene Abwägungsprozess muss bei jedem auftretenden Problem vorgenommen werden:
Zum Beispiel ist ein Verbot bestimmter chemischer Substanzen (und die Umstellung auf risikoärmere, aber teurere Ersatzstoffe) immer dann angebracht, wenn der Kontakt mit der Substanz zu Vergiftungen oder zu schweren Erkrankungen wie Krebs führt.
In Kitas und Schulen etwa muss nicht-bruchfestes Glas in Laufbereichen ausgetauscht werden, wenn zu befürchten ist, dass ein Kind in eine Scheibe läuft und sich schwer verletzt – auch wenn dies eine hohe Investition bedeutet.

In einigen Fällen kollidieren Schutzprinzipien: eine Schutzmaßnahme gegen eine gravierende Gefährdung einerseits kann zu einer Verschlechterung der Bedingungen andererseits führen. Das Tragen von persönlicher Schutzausrüstung (PSA) ist hierfür ein gutes Beispiel: Schutzbrillen, Helme oder eben Atemschutzgeräte schützen vor tödlichen oder schweren Verletzungen und Gesundheitsschäden. Sie stellen aber auch (selbst bei Auswahl besonders bequemer Exemplare) eine Erschwerung dar, da sie das Gesichtsfeld beeinträchtigen, das Atmen erschweren oder zu vermehrtem Schwitzen führen. In Abwägung der oben genannten Priorisierung ist das Tragen von PSA als personenbezogene Maßnahme trotzdem sinnvoll, solange es keine technischen oder organisatorischen Maßnahmen gibt, die die Gefahr eines schweren Unfalls oder gravierenden Körperschaden anders abwenden können.

Diese Grundsätze gelten auch beim Schutz gegen COVID-19-Erkrankungen

Die aufgezeigten Grundsätze und die Abwägung von Kosten und Nutzen der einzelnen Maßnahmen sind universell gültig. Sie bilden daher auch die Grundlage für die Maßnahmen gegen die potentiell tödliche COVID-19-Erkrankung. Deren Übertragungsweg ist noch nicht in allen Punkten erforscht. Bekannt ist aber, dass die Übertragung über virenbelastete Tröpfchen und Aerosole sowie in geringem Umfang über Schmierinfektion stattfindet.

Entsprechend dem TOP-Prinzip muss in Schulen, Kitas und Büros also zunächst durch technische (z. B. durch eine gute Durchlüftung und Desinfektion von Oberflächen) oder organisatorische (z. B. Teilung von Klassen, Organisation von physischem Abstand oder Lüftungspausen) Maßnahmen die Übertragung von SARS-CoV-2-Viren verhindert werden.  

In vielen Situationen ist dies aber nicht möglich: Nicht immer lassen sich Räume gut genug lüften, um die Konzentration virenhaltiger Aerosole wirksam zu senken. Der Mindestabstand von 1,5 Metern kann auch nicht immer eingehalten werden, um eine Infektion über virenbelastete Tröpfchen zu vermeiden. In diesen Fällen bleibt als letztes Mittel das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung (Alltagsmaske, Stoffmaske), eines Mund-Nasen-Schutzes (OP-Maske) oder einer Schutzmaske (FFP2 oder FFP3) als personenbezogene Maßnahme übrig, um einen wirksamen Schutz vor der Infektion zu erzielen.

Welche persönliche Schutzausrüstung genau notwendig ist, hängt vom Einsatzgebiet ab. Es ist aber einsichtig, dass jede der Masken zu einer geringfügigen bis mittleren Erhöhung des Atemwiderstandes führen und somit die Behaglichkeit der Träger*innen beeinträchtigen kann. Die Behauptung, es könne durch dauerhaftes Tragen zu einer CO2-Vergiftung kommen, kann auf der Basis wissenschaftlicher Untersuchungen ausgeschlossen werden. Das Volumen des Luftraums unter der Maske ist dafür in Relation zum Volumen jedes Atemzuges schlichtweg zu klein.

In Abwägung mit dem Risiko einer COVID-19-Erkrankung, die einen schweren bis tödlichen Verlauf nehmen kann, sind diese Beeinträchtigungen daher hinzunehmen. Es muss allerdings versucht werden, die Höhe dieser Beeinträchtigungen zu minimieren – etwa durch organisatorische Maßnahmen wie feste „Tragepausen“ und den Austausch durchnässter Masken.


Alternativen prüfen

Keine der Anfragen die die Unfallkassen erreichen, beleuchten die Alternativen zur Maskennutzung. Selbstverständlich könnte auf die Nutzung einer MNB verzichtet werden, wenn ein regelmäßiger und ausreichender Luftaustausch und die Einhaltung des Mindestabstandes dauerhaft sichergestellt wären. Die Realität in Schulen sieht aber anders aus: Kaum ein Klassenraum ist für eine komplette Schulklasse unter Einhaltung des Mindestabstandes groß genug. Zudem können viele Schulfenster nicht oder nicht ausreichend geöffnet werden. Unter diesen Voraussetzungen ist ein Tragegebot einer MNB eine sinnvolle Schutzmaßnahme – insbesondere, wenn eine Regelung stadt- oder landesweit getroffen werden und damit den sehr heterogenen Gegebenheiten vor Ort Rechnung tragen soll.

All denen, die einen Verzicht von MNB in Schulen fordern, sollte die Frage nach ihren Alternativen gestellt werden. Welche konkreten Maßnahmen sollen die Schutzwirkung der MNB ersetzen? Stehen diese Maßnahmen zeitnah zur Verfügung? Die Schließung der Schulen stellt überwiegend keine sinnvolle Alternative dar.

Die Unfallkassen – auch die UKH – werden sich auch weiterhin bei ihren Empfehlungen in allen Fragen von Sicherheit und Gesundheit an den genannten und in der Fachwelt allgemein akzeptierten Grundsätzen orientieren. Nur diese basieren auf evidenzbasierten Untersuchungen seriöser Institute und bieten die Gewissheit, dass sie tatsächlich dem Stand der Technik entsprechen. Sie wird weiterhin die beschriebene Abwägung zwischen Kosten und Nutzen bei einzelnen Maßnahmen treffen und somit den unter den jeweiligen Umständen machbaren und optimalen Schutz ihrer Versicherten sicherstellen.